Herz gegen Hirn: Es wird ernst

Wie soll man einen Blog­ein­trag begin­nen, in dem man auf Ereig­nis­se zurück­blickt, die mitt­ler­wei­le mehr als ein hal­bes Jahr zurück­lie­gen? Wie soll es gelin­gen, über Erfah­run­gen ent­lang des Süd­pa­ta­go­ni­schen Inland­ei­ses zu berich­ten, wo wir uns doch in die­sem Moment auf der ande­ren Sei­te des Äqua­tors, also auf der Nord­halb­ku­gel, befin­den? Wie die unbe­greif­li­chen Dimen­sio­nen der chi­le­ni­schen Glet­scher greif­bar machen, wo unser Leben sich doch aktu­ell in etwa 9.000 Kilo­me­tern Ent­fer­nung unter der erbar­mungs­lo­sen tro­pi­schen Son­ne der kolum­bia­ni­schen Anden­aus­läu­fer zuträgt? Es fie­le mir sehr viel leich­ter, an die­ser Stel­le einen Lob­ge­sang auf die Men­schen des kolum­bia­ni­schen Ama­zo­nas-Gebie­tes anzu­stim­men oder mei­nen Gefüh­len gegen­über den Heer­scha­ren von Mos­ki­tos oder nicht vor­han­de­nen Ven­ti­la­to­ren frei­en Lauf zu las­sen. Kurz: die ver­gan­ge­nen drei Mona­te in Kolum­bi­en Revue pas­sie­ren zu las­sen.

Und doch wäre es unheim­lich scha­de, die dem vor­an­ge­gan­ge­nen Mona­te gänz­lich aus­zu­blen­den, denn für das „hier und jetzt“ und viel­leicht auch für das „mor­gen“ hat­ten und haben sie eine gro­ße, vor allen Din­gen emo­tio­na­le, Bedeu­tung. Ich will also ver­su­chen, das Wesent­li­che vom Unwe­sent­li­chen zu tren­nen, ohne mich dazu ver­lei­ten zu las­sen, die blo­ßen Fak­ten anein­an­der zu rei­hen. Denn die sind zu gro­ßen Tei­len irrele­vant. Die ver­gan­ge­nen sechs Mona­te waren glei­cher­ma­ßen auf­re­gend wie auf­rei­bend. Es wur­den auf vie­ler­lei Ebe­nen gro­ße und klei­ne Ent­schei­dun­gen getrof­fen, in denen sich Herz und Hirn gegen­über­stan­den und sich miss­trau­isch anblick­ten. Wie zwei ehe­mals bes­te Freun­de, die sich – vor vie­len Jah­ren zer­strit­ten und seit­dem gänz­lich aus den Augen ver­lo­ren – nach sehr lan­ger Zeit zufäl­lig an einem ihnen unbe­kann­ten Ort wie­der­se­hen. Wie ver­hal­te ich mich? Sage ich etwas oder lau­fe ich wei­ter und tue so, als habe ich nichts bemerkt? Hirn sagt „Lauf wei­ter, mach wei­ter wie bis­her!“, Herz sagt „Bleib ste­hen, schau was pas­siert!“. Aber eins nach dem ande­ren.

Aqui se nece­si­ta gen­te aleg­re.” (Loren­zo Sepul­ve­da, Sied­ler am Lago O’Higgins)

Die zwei­te Hälf­te unse­rer Rei­se ent­lang der Car­re­te­ra Aus­tral im Süden Chi­les war vor allem geprägt durch Begeg­nun­gen mit Men­schen, bekann­ten wie unbe­kann­ten. In Puer­to Gua­dal, ober­halb des Ufers des unwirk­lich tür­kis­far­ben leuch­ten­den Lago Gene­ral Car­re­ra, fan­den wir in Cris­tián einen Bru­der. Einen Bru­der im Geis­te und Bru­der im Her­zen. Einen Gleich­ge­sinn­ten, der wie wir ange­trie­ben wird durch sei­ne Lie­be zum Rei­sen, sei­ne Neu­gier­de gegen­über Men­schen und sei­nen Wil­len, einen Bei­trag zu einem gesün­de­ren Zusam­men­le­ben zwi­schen Mensch und Natur zu leis­ten. Nicht zu ver­ges­sen die inbrüns­ti­ge Lie­be, mit der wir uns all­abend­lich in bes­ter Stim­mung mit roten Augen und hand­li­cher 1-Liter-Bier­fla­sche der Zube­rei­tung unse­res Essens wid­me­ten. Im Wesent­li­chen abwech­selnd Pfann­ku­chen und Piz­za.

Cris­tián hat­te nur weni­ge Tage zuvor sei­nen Cam­ping­platz „Alma Ver­de“ eröff­net und emp­fing uns als sei­ne ers­ten Gäs­te. Wir kamen für eine Nacht und blie­ben fast drei Wochen. Zum ers­ten Mal seit lan­ger Zeit hat­ten wir auf Rei­sen wie­der einen Ort gefun­den, an dem wir uns zu Hau­se fühl­ten. Es fehl­te nichts. Ein gutes, ein­fa­ches Zelt­le­ben mit unkom­pli­zier­ten Men­schen inmit­ten traum­haf­ter Natur. Hier kam es uns zum ers­ten Mal: „Eigent­lich wirk­lich ein lebens­wer­tes Fleck­chen Erde hier, im Süden Chi­les“, dach­te sich wohl jeder von uns für sich.

Was folg­te, ver­än­der­te viel in und mit uns. Mit­te März waren wir buch­stäb­lich am Ende der Stra­ße ange­kom­men. 1.200 Kilo­me­ter zwi­schen Puer­to Montt und Vil­la O‘Higgins, für die wir uns mehr als vier Mona­te Zeit gelas­sen hat­ten. Eine Stra­ße wie aus einem Traum. Vom ers­ten bis zum letz­ten Kilo­me­ter spek­ta­ku­lär. Die letz­ten 250 Kilo­me­ter zwi­schen Coch­ra­ne und Vil­la O’Higgins sind so wild, dass sie die per­fek­te Kulis­se für jeden Aben­teu­er­film her­ge­ben wür­den. Majes­tä­ti­scher Pri­mär­wald, der auf alle Zei­ten in dich­ten Nebel und Regen­wol­ken ein­ge­hüllt scheint. Nur ver­ein­zelt lich­tet er sich, um den Häu­sern eini­ger weni­ger Sied­ler Platz zu machen, die sich an die­sem ver­las­se­nen Stück­chen Land eine klei­ne Exis­tenz erwirt­schaf­ten, meist durch Vieh­hal­tung. Ansons­ten Schot­ter­pis­te und nahe­zu unver­sehr­te Natur. Die Stra­ße ver­läuft sich in einer Ansamm­lung wind­ge­peitsch­ter Holz­häu­ser mit qual­men­den Alu­mi­ni­um-Schorn­stei­nen, deren beschla­ge­ne Fens­ter­schei­ben trotz Spät­som­mer wirk­li­che Weih­nachts­stim­mung ver­brei­ten. Bis man rea­li­siert, dass man in Vil­la O’Higgins ist, ist man auch schon fast wie­der drau­ßen, obwohl das Dorf seit Ankunft der Stra­ße im Jah­re 1999 lang­sam aber kon­ti­nu­ier­lich wächst. Damals eine klei­ne Sied­lung, die nur aus ein paar weni­gen Men­schen und deren Bau­ern­hö­fen bestand, leben hier heu­te immer­hin 600 Leu­te.

Der Kapi­tän der “Que­tru” steu­ert ziel­ge­rich­tet Can­del­a­rio Man­cil­la an

Doch die Erfah­rung hat schon oft gezeigt: dort, wo die Stra­ße auf­hört, fängt es an, inter­es­sant zu wer­den. Zwei Boots­stun­den über den Lago O’Higgins ent­fernt liegt Can­del­a­rio Man­cil­la, benannt nach einem jun­gen, aben­teu­er­lus­ti­gen Mann von der Isla Chi­loé, der sich vor nicht ein­mal 100 Jah­ren als ers­ter Mensch hier nie­der­ließ. Er bewies Geschick und Geschmack, wähl­te einen Ort mit fan­tas­ti­schem Blick über den See, errich­te­te ein ein­fa­ches Holz­haus mit dem Holz der umlie­gen­den Wäl­der, brach­te Vieh, setz­te Forel­len und Lach­se im See aus, pflanz­te aller­hand Frucht­bäu­me, Sta­chel- und Him­beer­sträu­cher, grün­de­te eine Fami­lie und leg­te sich am sieb­ten Tage zurück, um zu betrach­ten, was er da so erschaf­fen hat­te, mit blo­ßem Wil­len und Mus­kel­kraft. Zumin­dest muss es sich so ähn­lich ange­fühlt haben. Will man ein Gefühl für den Mut und die Uner­schro­cken­heit der pata­go­ni­schen Pio­nie­re erfah­ren, soll­te man unbe­dingt hier­her kom­men. Wie ein­sam, wie gott­ver­las­sen und wie frei muss es sich anfüh­len, allei­ne in einem Kanu über die­sen unfass­bar gro­ßen See zu pad­deln, der rings­um von den größ­ten Glet­schern außer­halb der Ant­ark­tis gespeist wird und über das Jahr ver­teilt mehr stür­mi­sche als sturm­freie Tage erlebt? Wie muss es sich anfüh­len, nur mit einer Hand voll Werk­zeug aus­ge­stat­tet irgend­wo eine Schnei­se in den Wald zu schla­gen und zu ent­schei­den: hier blei­be ich, das ist mein Zuhau­se.

Lago O’Higgins, im Land der Kon­stras­te

Wir blei­ben eini­ge Tage im Haus von Doña Jus­ta, einer der Töch­ter des ehr­wür­di­gen Can­del­a­rio. Eine Frau in ihren 80ern, vol­ler Witz und klar wie ein Kur­zer. Sie lebt dort mit ihren Söh­nen Ricar­do und Tito, die mitt­ler­wei­le auch schon in die Jah­re gekom­men sind. Seit eini­gen Jah­ren gibt es hier so etwas wie Tou­ris­mus. Einen sehr sanf­ten aller­dings. Vor­wie­gend jun­ge Back­pa­cker, die von hier aus zu Fuß oder per Rad über die Gren­ze nach Argen­ti­ni­en gelan­gen wol­len. Im Gar­ten kann gezel­tet wer­den, alter­na­tiv ste­hen sechs ein­fa­che Gäs­te­zim­mer zur Ver­fü­gung. Hier und da ein paar Aus­flüg­ler, die mit einem Aus­flugs­schiff zum mäch­ti­gen Gla­ci­ar O’Higgins fah­ren und anschlie­ßend die Nacht in Can­del­a­rio Man­cil­la ver­brin­gen, das außer den paar Häu­sern der Fami­lie nur noch eine Grenz­sta­tio zählt. Wie­der ein­mal erweist sich das Töch­ter­lein als Her­zens­bre­che­rin, zumal sie zu dem Zeit­punkt, am Ende der Sai­son, erst das drit­te Kind ist, das die­ses Jahr den Weg zu den Man­cil­las gefun­den hat. Also durch­aus eine will­kom­me­ne Abwechs­lung. Eli­sa­beth und das Töch­ter­lein blei­ben eine gan­ze Woche lang bei Jus­ta, Tito und Ricar­do und erle­ben neben Aus­rit­ten, Kir­schen pflü­cken und Mar­me­la­de ein­ko­chen vor allen Din­gen eine unver­gleich­li­che Gast­freund­schaft. Sie gehö­ren zur Fami­lie, sit­zen und essen abends, wenn die müden Wan­ders­leu­te sich in ihre Zel­te zurück­ge­zo­gen haben, gemein­sam in der Stu­be. Und erzäh­len sich am wär­men­den Holz­ofen Geschich­ten, wie sie eben nur ein Ort am Ende der Welt schreibt. Pumas, die Pfer­de anfal­len zum Bei­spiel. Oder wie die Brü­der als Kin­der und Jugend­li­che wage­mu­tig auf die vor­bei­trei­ben­den, haus­ho­hen Eis­ber­ge klet­ter­ten und, als ihre Mut­ter davon erfuhr, jedes Mal eine Tracht Prü­gel kas­sier­ten. Und es trotz­dem wie­der und wie­der mach­ten, denn wie soll­te man sich denn sonst die Zeit ver­trei­ben? Der Lauf der Zeit gibt ihnen Recht, denn schon lan­ge trei­ben hier kei­ne Eis­ber­ge mehr vor­bei. Der Glet­scher hat über die letz­ten fünf Jahr­zehn­te 18 Kilo­me­ter an Län­ge ver­lo­ren. Frü­her konn­te man ihn vom Haus aus sehen, heu­te liegt er wei­te­re ein­ein­halb Stun­den Boots­fahrt ent­fernt. Die Jugend­li­chen von heu­te, so sie es denn gäbe, müss­ten sich da etwas ande­res ein­fal­len las­sen.

Die Eis­ber­ge trei­ben heu­te nur noch in unmit­tel­ba­rer Nähe des Glet­schers

Wäh­rend also die Frau und das Töch­ter­lein eine magi­sche Woche erle­ben, mache ich mich auf den Weg zu einem Aus­sichts­punkt über den O’Higgins-Gletscher, den viert­größ­ten in Pata­go­ni­en. Berich­te geschwei­ge denn Weg­be­schrei­bun­gen gibt es so gut wie kei­ne. Was viel­leicht auch dar­an liegt, dass es noch nicht ein­mal einen ein­deu­ti­gen Weg gibt. Bevor ich im Mor­gen­grau­en auf mei­nen Allein­gang auf­bre­che, gibt mir Ricar­do noch ein paar Tipps. Hin­ter dem Baum rechts lau­fen, nach der Fluss­über­que­rung nicht dem Tier­pfad in den Wald fol­gen, son­dern ent­lang des Wald­ran­des auf­stei­gen. 42 Kilo­me­ter, für die ich zwei Tage ein­rech­ne, lie­gen zwi­schen mir und dem Glet­scher. Wie ich nicht viel spä­ter ler­nen wer­de, ist der Weg jedoch nur hin und wie­der ein­deu­tig, über wei­te Stre­cken lau­fe ich zwar nicht ori­en­tie­rungs- aber doch weg­los durchs Gebir­ge. Als ich schließ­lich ein Hoch­tal errei­che, das links und rechts durch steil abfal­len­de Fels­wän­de begrenzt wird, ist der Weg ein­deu­tig und ich bin erleich­tert. Mein Weg kreuzt sich zuerst mit dem zwei­er Wild­pfer­de und schließ­lich, nach über fünf Stun­den, die mehr mit Lau­fen als Gehen zu tun haben, mit Nico­le und Misa­el. Bei mei­ner Recher­che war ich schnell dar­auf gesto­ßen, dass ich ganz ohne Hil­fe den Glet­scher nicht wür­de errei­chen kön­nen. Daher hat­te ich mich noch in Vil­la O’Higgins über Funk bei Misa­el Tis­na­do ange­kün­digt. Die­ser wür­de mich, so mei­ne Hoff­nung, über den Abfluss des Chi­co-Glet­schers rudern kön­nen, der zu Fuß auf­grund der Was­ser­tem­pe­ra­tur, der Strö­mung und der nicht uner­heb­li­chen Tie­fe unmög­lich zu bewäl­ti­gen ist. Ich wuss­te ledig­lich, dass mich einer von nur zwölf Pob­la­do­res (Sied­ler) erwar­ten wür­de, wel­che an die­sem rie­si­gen See ein Leben in abso­lu­ter Ein­sam­keit und Abge­schie­den­heit füh­ren. Kein Tele­fon, kein Fern­se­hen. Ledig­lich eine klei­ne Solar­zel­le, um die zwei Glüh­bir­nen in dem beschei­de­nen Haus wäh­rend der Abend­stun­den zu erleuch­ten. Drei­mal am Tag gibt es Funk­kon­takt ins Dorf. Ich rech­ne­te mit einem alten, grau­en Mann mit schwie­li­gen Hän­den und leder­ner, wet­ter­ge­gerb­ter Haut. „Von den Jun­gen will hier kei­ner mehr leben, ohne Frau und das gan­ze Jahr auf sich allei­ne gestellt“, hat­te man mir vor­her gesagt.

Wild­pfer­de auf dem Weg zum Chi­co-Glet­scher

Umso über­ra­schen­der trifft mich der Anblick eines hüb­schen jun­gen Mäd­chens mit hohen Wan­gen­kno­chen und einem herz­er­wär­men­den Lächeln. Nico­le. Der Haus­herr ist gera­de nicht da. Der Emp­fang ist herz­lich und ehe ich mich ver­se­he, habe ich einen Mate und etwas zu Essen in der Hand. Eigent­lich will ich gleich wei­ter lau­fen, gegen die Lang­sam­keit und Ruhe die­ses Ortes kom­me ich jedoch nicht an. Besuch ist sel­ten hier unten. Und wenn er denn Mal kommt, wird alles ste­hen- und lie­gen­ge­las­sen, man nimmt sich Zeit. Und das gilt für bei­de Sei­ten. Also wär­me ich mich am Ofen und gön­ne mei­nen geschun­de­nen, völ­lig auf­ge­weich­ten Füßen eine Pau­se. Auf­grund des sump­fi­gen Unter­grunds war ich die kom­plet­te Stre­cke in San­da­len gelau­fen, um nicht stän­dig die Schu­he aus- und wie­der anzie­hen zu müs­sen. Nach einer Wei­le kommt Misa­el zurück. Er hat­te vier ver­lo­ren­ge­gan­ge­ne Kühe zusam­men­ge­trie­ben und gleich eine davon geschlach­tet. Das Fleisch wird ihn hier gemein­sam mit dem Gemü­se aus sei­nem klei­nen Gewächs­haus für einen Monat lang satt hal­ten. Auch er ent­spricht nicht dem Bild eines Sied­lers, das ich erwar­tet hat­te. Groß gewach­sen und stark wie ein Bär, um die 40 Jah­re alt. Ich erfah­re, dass er erst seit drei Jah­ren hier wohnt. Das Grund­stück von sage und schrei­be 6.000 Hekt­ar war für sei­nen Onkel nicht mehr zu bewäl­ti­gen. Davor hat­te er eine Wei­le lang im Dorf gelebt und sich sei­nen Lebens­un­ter­halt als Besat­zungs­mit­glied auf einem der Aus­flugs­schif­fe zum Glet­scher ver­dient. Auf Dau­er war das nichts für einen, der im zar­ten Alter von 17 Jah­ren bereits Herr über 18.000 Hekt­ar war. Der von frü­hes­ter Kind­heit an lern­te, was es heißt, auf sich allein gestellt zu sein. Die tie­fen Nar­ben auf bei­den Schul­tern sind Zeug­nis der unzähl­ba­ren Mehl­sä­cke, die sich in sei­ne Haut ein­ge­schnit­ten haben, weil er sie in frü­he­ren Jah­ren sechs Stun­den lang durch die Ber­ge zum Haus tra­gen muss­te. Heu­te kommt immer­hin alle zehn Tage ein Schiff, das die Sied­ler mit dem Nötigs­ten ver­sorgt. Mehl, Zucker, Rot­wein.

Lago O’Higgins, auf mei­ner Wan­de­rung zum Glet­scher

Ich füh­le mich so wohl, dass ich am liebs­ten blei­ben wür­de. Aber ich weiß auch, was irgend­wo hin­ter dem gegen­über­lie­gen­den Berg­rü­cken auf mich war­tet. Seit ich zum ers­ten Mal ein Foto vom Aus­sichts­punkt über den O’Higgins-Gletscher gese­hen habe, weiß ich, dass ich ihn mit mei­nen eige­nen Augen sehen will. Als mich Misa­el über den Glet­scher­ab­fluss rudert, habe ich inner­lich eigent­lich schon beschlos­sen, dass ich nach mei­ner Rück­kehr noch ein paar Tage dort blei­ben möch­te. Zu die­sem Zeit­punkt weiß ich aller­dings noch nicht, dass mir gar kei­ne ande­re Wahl blei­ben wird. In mei­nem Über­ei­fer – ich bin das ers­te Mal auf der gesam­ten Rei­se allei­ne unter­wegs und kann mein eige­nes Tem­po lau­fen – habe ich die Stre­cke, für die eigent­lich drei Tage kal­ku­liert sind, in einem Tag durch­ge­zo­gen. War gelau­fen, bis die Son­ne hin­ter den ver­glet­scher­ten Ber­gen ver­schwun­den und ich am Ziel mei­ner Träu­me ange­kom­men war: vor mir bis zum Hori­zont nur Eis. Und doch nur ein win­zi­ger Aus­schnitt des Süd­pa­ta­go­ni­schen Eis­fel­des (Cam­po de Hie­lo Sur), des größ­ten zusam­men­hän­gen­den Glet­scher­ge­bie­tes der süd­li­chen Hemi­sphä­re außer­halb der Ant­ark­tis. Unvor­stell­ba­re Dimen­sio­nen die mich ungläu­big erstar­ren las­sen.

Lei­der kann ich mich schon zu die­sem Zeit­punkt kaum von den höl­li­schen Knie­schmer­zen ablen­ken, die mich wohl infol­ge der Über­be­las­tung nach 12 Stun­den quer­feld­ein heim­ge­sucht haben. Ich errich­te mein Nacht­la­ger direkt auf der mäch­ti­gen End­mo­rä­ne zwi­schen uralten Bäu­men und hof­fe, dass die Nacht Bes­se­rung bringt. Eine unbe­grün­de­te Hoff­nung, wie sich her­aus­stellt. Trotz­dem will ich es mir nicht neh­men las­sen, zum Son­nen­auf­gang noch­mal die 40 Minu­ten zum Aus­sichts­punkt zu gehen. Dort ange­kom­men, kann ich mitt­ler­wei­le mein lin­kes Knie nicht mehr beu­gen und begin­ne, mir lang­sam Sor­gen zu machen. Immer­hin tren­nen mich min­des­tens vier, in die­sem Zustand wahr­schein­lich eher sechs, Stun­den von Misa­el und Nico­le. Ich begin­ne, von der Wär­me des Hau­ses tag­zu­träu­men. Auch der wahr­schein­lich ein­drucks­volls­te Son­nen­auf­gang mei­nes Lebens ver­mag es in die­sem Moment nicht, mich da wie­der raus­zu­ho­len. Ich beru­hi­ge mich selbst: immer­hin für wei­te­re fünf Tage habe ich Essen dabei. Ich schlep­pe mich zurück zum Zelt und beschlie­ße, zwei Näch­te lang im dort aus­zu­har­ren und anschlie­ßend zurück zum Haus zu lau­fen, um dort das Ver­sor­gungs­schiff abzu­pas­sen.

Mein ein­sa­mer Zelt­platz, an dem ich geschla­ge­ne zwei Tage aus­har­re

Zwei ewig lan­ge Tage ver­ge­hen, in denen ich mich ein­sa­mer als jemals zuvor füh­le. Eine klei­ne Grup­pe von Leu­ten, denen wir schon in Vil­la O’Higgins begeg­net waren, kreu­zen uner­war­tet vor mei­nem Zelt auf, spen­den mir Trost und Gesell­schaft und wol­len mich über­re­den, mit ihnen abzu­stei­gen. Schwe­ren Her­zens leh­ne ich ab, kann zu dem Zeit­punkt kei­nen Schritt mehr tun, ohne vor Schmerz auf­zu­stöh­nen wie ein simu­lie­ren­der Fuß­ball­spie­ler. Als ich die Grup­pe lang­sam aus den Augen ver­lie­re, füh­le ich mich am schöns­ten Ort der Welt so elend und allein wie sel­ten zuvor. Ich den­ke an Frau und Töch­ter­lein und bil­de mir ein, einen rie­si­gen Feh­ler began­gen zu haben, indem ich allei­ne los­zog. Den fol­gen­den Tag kann ich nur in Bruch­stü­cken erin­nern, weil mei­ne gan­ze Auf­merk­sam­keit mei­nen Kni­en gilt, die ich mitt­ler­wei­le bei­de nicht mehr beu­gen kann. Geschla­ge­ne fünf Stun­den gehe ich weg­los berg­ab – rück­wärts, weil’s so am erträg­lichs­ten ist.

Ein klei­ner, unmar­kier­ter Weg führt durch mär­chen­haf­te Urwäl­der

Irgend­wie schlep­pe ich mich durch den Wald und als ich dann end­lich hoch oben vom Berg das Haus sehen kann, schießt mir das Adre­na­lin durch die Adern. Für einen Moment glau­be ich an eine Blitz­hei­lung, bis mir bewusst wird, dass es ein­fach nur unend­li­che Erleich­te­rung ist, die mich für einen Moment lang mei­ne Knie ver­ges­sen las­sen. „Wann kommt denn das Schiff?“, fra­ge ich einen alten Mann auf der gegen­über­lie­gen­den Sei­te des Glet­scher­ab­flus­ses. „Ist schon weg. War ges­tern schon da, weil das Wet­ter sta­bil war“, ant­wor­tet mir der Sied­ler, der mich auf dem Hin­weg noch mit Hil­fe sei­ner sie­ben unfreund­li­chen Hun­de von sei­nem Grund­stück ver­trei­ben woll­te, mich aber nun, da ich ein Weil­chen mit ihm geschnackt habe, zum Mate in sein Haus bit­tet. Ich leh­ne ab, will ein­fach nur zurück zum Haus. „Die­ses ver­schis­se­ne Kack­boot“, den­ke ich laut vor mich hin, wäh­rend ich da so rea­li­sie­re, dass ich die 28 ver­blei­ben­den Kilo­me­ter noch irgend­wie zu Fuß bewäl­ti­gen muss. Immer­hin habe ich Zeit. Ich wer­de mit offe­nen Armen und fri­schem Brot begrüßt. Nico­le und Misa­el hat­ten von der ande­ren Wan­der­grup­pe mit­be­kom­men, dass ich in Schwie­rig­kei­ten steck­te und sich Sor­gen gemacht. Mit ihrem Ange­bot, mich ein paar Tage bei ihnen im Haus aus­zu­ru­hen, kom­men sie mei­ner Fra­ge zuvor.

Das Haus von Misa­el Tis­na­do

Die Tage wer­den zu den inten­sivs­ten in Pata­go­ni­en über­haupt.

In den Ber­gen schneit es zum ers­ten Mal in die­ser Sai­son, sodass wir drei Tage lang gemein­sam in der war­men Stu­be ver­brin­gen. Es sind lehr­rei­che Stun­den. Ich erfah­re, mit wel­chen Ent­beh­run­gen das Leben so weit weg von allem auch heu­te noch ver­bun­den ist. Aber auch – und das wiegt viel schwe­rer – mit wel­cher Frei­heit und Zufrie­den­heit es ein­her­geht. Genüg­sam­keit. Das ist es, was es den Men­schen hier ermög­licht, ihr Leben als pri­vi­le­giert wahr­zu­neh­men. Eine Exis­tenz, die voll­kom­men im hier und jetzt ver­an­kert ist. Ein Leben in, mit und von der Natur, in unmit­tel­ba­rer Abhän­gig­keit vom Wet­ter. Gedacht und geplant wird immer nur in Jah­res­zei­ten. Die wich­tigs­te Auf­ga­be des Som­mers besteht dar­in, genü­gend tro­cke­nes Feu­er­holz für den Win­ter her­an­zu­schaf­fen. Im Win­ter wird am Haus gear­bei­tet. Die ein­zi­ge Bestim­mung eines Smart­pho­nes besteht in Erman­ge­lung eines Tele­fon- geschwei­ge denn Inter­net­si­gnals in der Mög­lich­keit, Fotos zu machen und zu zei­gen: Sauf­ge­la­ge mit den Natio­nal­park-Ran­gern, Pfer­de, die hin­ter dem Boot durch den eis­kal­ten Fluss gezo­gen wer­den, der See, der bei minus 20 Grad in blü­ten­rei­nem Weiß erstrahlt. Ich ver­brin­ge Stun­den damit, Sauer­kir­schen zu pflü­cken und Mar­me­la­de ein­zu­ko­chen. Wir backen Empa­na­das, kochen herz­haf­te Ein­töp­fe mit dem Fleisch aus dem Schup­pen, lau­schen gan­ze Aben­de lang wort­los dem hyp­no­ti­sie­ren­den Sing­sang der tra­di­tio­nel­len Gau­cho­mu­sik (Milon­ga) und fol­gen – teils amü­siert, teils besorgt – den Funk­un­ter­hal­tun­gen zwi­schen den ein­zel­nen Sied­lern. Die Tan­te ordert ein Kilo Toma­ten mit der nächs­ten Ver­sor­gungs­la­dung, dem Nach­barn wur­den in der Nacht schon wie­der drei Läm­mer vom Puma geris­sen, der Bru­der in kri­ti­schem Gesund­heits­zu­stand lebt eben­falls allei­ne auf einer Fin­ca am ande­ren Ende des Sees und hat sich seit zwei Tagen nicht mehr gemel­det.

Empa­na­das mit “Dul­ce de guin­da” (Sauer­kirsch-Mar­me­la­de)

Es fällt mir unheim­lich schwer, zu gehen. Und das liegt bei­lei­be nicht dar­an, dass ich immer noch ernst­haf­te Zwei­fel dar­an habe, dass mich mei­ne Knie halb­wegs unbe­scha­det zurück nach Can­del­a­rio Man­cil­la tra­gen kön­nen. Zurück zu Doña Jus­ta, Ricar­do und Tito, zurück zu mei­nen bei­den Mädels. Und doch schlep­pe ich mich irgend­wie „nach Hau­se“. Auf dem Rück­weg wer­de ich melan­cho­lisch. Ich begeg­ne erneut einer Her­de Wild­pfer­de, hin­ter mir brei­tet sich das in sei­ner schie­ren Grö­ße nicht in Wor­te zu fas­sen­de Eis­feld aus und ich kom­me nicht umher, mir selbst zu ver­si­chern, dass ich wie­der kom­men wer­de. Das nächs­te Mal mit mei­nen bei­den Mäd­chen. Herz und Hirn haben sich nun wie­der­ge­fun­den, eben wie zwei unglei­che Freun­de. Zuvor waren sie zer­ris­sen zwi­schen Idea­lis­mus und Rea­lis­mus. Herz sagt: „Es pas­siert gera­de etwas Beson­de­res, gib dich hin!“. Das (Touristen-)Hirn sagt: „Nett war’s, wei­ter geht’s!“ Nun flüs­tern, nein rufen sie mir ein­stim­mig zu: „Nur Mut, du hast einen Ort gefun­den, der tie­fe Sehn­süch­te erweckt, der dich träu­men lässt. Packe dei­ne Träu­me an, kämp­fe für sie. War­um denn eigent­lich nicht?“

Wir kom­men wie­der, bald sogar…

Feli­ci­dad: Wenn ein war­mes Zuhau­se und Mate das gan­ze Glück der Welt bedeu­ten

1 Comment

  1. Mein Hirn sagt mir, dass es unnö­tig ris­kant war, eine solch anspruchs­vol­le Wan­de­rung in den unbe­wohn­ten Wei­ten Pata­go­ni­ens ganz allein zu unter­neh­men. Aber wenn ich so dei­nen neu­en Text lese (nun schon zum 2. Mal), so kann ich das irgend­wie schon ver­ste­hen: es ist das Herz, das dich zu die­sem Ent­schluss gebracht hat. Und natür­lich fällt mir jetzt im Nach­hinei­en noch ein gro­ßer Fels­bro­cken vom eige­nen Her­zen. Aber ich begrei­fe wohl so lang­sam, wie sehr du von die­sem Teil Pata­go­ni­ens berührt bist und hal­te dir die Dau­men, dass Herz UND Hirn dich euch wei­ter­hin beglei­ten. Seid alle geküsst und gedrückt!

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